Aktuelles zum Strafrecht

Bei einer Verkehrsunfallfucht ("Fahrerflucht") kann auch von einem Fahrverbot abgesehen werden

 

Das LG Dortmund hat ein bemerkenswertes Urteil zur Frage des Absehens von einem Fahrverbot bei einer Verkehrsunfallflucht wegen besonderer Umstände in der Persönlichkeit des Angeklagten, die die gesetzliche Vermutung der Ungeeignetheit zum Führen Eines Kraftfahrzeuges gemäß §§ 142 Absatz 2, 69 Abs. 2 Ziffer 3 StGB widerlegen, gefällt.

 

Das Gericht hat dem Angeklagten zunächst sein frühzeitiges Geständnis, welches auch Ausdruck durch die erklärte Berufungsbeschränkung gefunden hat, zugutegehalten, sowie der Umstand, dass er unwiderlegt aus eigenem Antrieb die Polizei aufgesucht und sich dort gestellt hatte, wenngleich zu diesem Zeitpunkt die polizeilichen Ermittlungen eine Täterschaft -des Angeklagten bereits nahe gelegt hatten. Außerdem hat das Gericht dem Angeklagten zugutegehalten, dass er gänzlich unbestraft durchs Leben gegangen ist und auch sein Verkehrszentralregisterauszug keine Voreintragungen aufweist und dies, obwohl der Angeklagte eigenen Angaben zufolge jeden Tag beruflich von Dortmund nach Düsseldorf mit dem Auto unterwegs ist. Schließlich war auch der eingetretene Schaden vollständig reguliert.

 

Das Gericht hat von einer Entziehung der Fahrerlaubnis gemäß   § 69 StGB abgesehen, da das Gericht die Vermutung der Ungeeignetheit des Angeklagten im vorliegenden Fall für widerlegt hielt. Der Angeklagte sei trotz seines fortgeschrittenen Alters bisher noch gänzlich unbestraft und wies auch keinerlei Eintragungen im Verkehrszentralregister aus und dies, obschon er täglich zu seiner Arbeitsstelle von Dortmund nach Düsseldorf mit dem Pkw unterwegs ist. Dies lässt bereits erkennen, dass er durchaus eine von Verantwortungsbewusstsein geprägte Persönlichkeit ist. Der Angeklagte habe sich auch sehr zeitnah im Anschluss an das Unfallgeschehen der Polizei gestellt, wenn zu diesem Zeitpunkt die Ermittlungen der Polizei auch bereits recht weit gediehen waren und der Angeklagte vermutlich auch ohne sein Geständnis mithin überführt worden wäre. Der Angeklagte hatte überdies auf die Kammer auch den Eindruck vermittelt, dass er ein durchaus verantwortungsbewusster Mensch ist, der hier lediglich einmalig strafrechtlich auffällig in seinem Leben geworden ist, wenn die Tat auf Grund des entstandenen Schadens auch durchaus nicht ohne Gewicht war.

 

Das Urteil zeigt einmal mehr, wie wichtig eine eingehende Auseinandersetzung mit der Persönlichkeit und dem bisherigen Lebensweg des Angeklagten für den Verteidiger ist. Die vorliegenden Umstände konnte das Gericht nur berücksichtigen, weil sie seitens der Verteidigung aufbereitet und vorgetragen worden sind.

 

(LG Dortmund, Urteil vom 25.09.2012 - 45 Ns 173/12)

Das OLG Bamberg hat sich in einer Entscheidung mit der Frage befassen müssen, ob das anlasslose Anwählen der Notrufnummer „110“ der Polizei (oder natürlich auch  „112“ für die Feuerwehr) den Straftatbestand des § 145 StGB erfüllt und somit einen Missbrauch von Notrufen darstellt.

 

Leitsätze des OLG:

 

Das anlasslose Anwählen der Notrufnummer 110 verwirklicht auch in Ansehung geänderter tatsächlicher und gesetzlicher Rahmenbedingungen für das Telekommunikationswesen den Tatbestand des Missbrauchs von Notrufen nach § 145 I Nr. 1, 1. Alt. StGB.

 

Eine einschränkende Auslegung des § 145 I Nr. 1, 1. Alt. StGB dahin, dass für den objektiven Tatbestand neben dem grundlosen Anwählen der Notrufnummer und der hierdurch bewirkten Herstellung einer Verbindung zur Notrufzentrale und Rufannahme auch ein etwaiger Gesprächsinhalt bzw. Äußerungen des Anrufers und dessen Bewertung durch den Diensthabenden in dem Sinne mit zu berück-sichtigen seien, dass erst hierdurch die von einem Notruf vorausgesetzte sog. "Auslösefunktion“ eintreten könne, ist weder dem Gesetzeswortlaut zu entnehmen noch ist sie nach dem Sinn und Zweck oder dem geschützten Rechtsgut der Strafnorm geboten (Anschluss an BGHSt 34, 4 ff. = MDR 1986, 508f. = NJW 1986, 1698 f. = VRS 50, 138 ff. = JuS 1986, 1002 f. = VRS 71, 138 ff.).

 

Das OLG hat seine Entscheidung wie folgt begründet:

 

Das AG verurteilte die Angekl. wegen vorsätzlichen Vollrauschs zu einer Freiheitsstrafe von zwei Monaten, deren Vollstreckung es zur Bewährung aussetzte. Die Berufung der Angekl. hat das LG mit Urteil vom 13.10.2010 verworfen. Nach den Feststellungen des LG nahm die Angekl. am 22.10.2009 Alkohol in solchen Mengen zu sich, dass sie in einen Zustand geriet, der ihre Schuldfähigkeit nicht ausschließbar aufhob. Bei Trinkbeginn war sich die Angekl. darüber bewusst, nahm es jedoch wenigstens billigend in Kauf, dass sie in einen solchen Rauschzustand geraten würde, wobei sie trotz eines bestehenden Alkoholabhängigkeitssyndroms in der Lage war, ihren Trinkbeginn zu steuern. Während dieses Zustandes rief die Angekl. zwischen 17:45 Uhr und 20:54 Uhr ohne entsprechenden Anlass von ihrem Telefonanschluss in insgesamt 54 Fällen die Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums über die Notrufnummer 110 an. Vielmehr wollte sie lediglich mit dem jeweiligen Polizeibeamten reden bzw. die Beamten zu einem Besuch bei sich überreden. Die Angekl. wusste mit natürlichem Vorsatz, dass die Notrufnummer 110 nur in Notsituationen gewählt werden darf. Durch das ständige Blockieren der Notrufnummer war das verlässliche Funktionieren des Notrufs des Polizeipräsidiums gestört. Da die eingesetzten Polizeibeamten nicht ausschließen konnten, dass in einigen Fällen ‚echte’ Notrufe vorlagen, war es erforderlich, sämtliche Anrufe der Angekl. entgegen zu nehmen. Auch in den Fällen, in denen die ermittelte Dauer des Anrufes nur sehr kurz war, kam eine Verbindung zustande. Während der Telefonate der Angekl. war zumindest eine der Notrufleitungen für den Bezirk des Polizeipräsidiums für tatsächliche Notfälle belegt, vor allem jedoch war einer der zuständigen Beamten mit der Entgegennahme und Prüfung ihrer Anrufe beschäftigt. In der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums laufen Notrufe aus den Bereichen von 4 ehemaligen Polizeidirektionen auf. Der Bezirk, in dem etwa 1.000.000 Einwohner leben, umfasst 4 kreisfreie Städte und 9 Landkreise. Aus dem Bezirk einer ehemaligen Polizeidirektion laufen darüber hinaus auch die Notrufe der Feuerwehr und des notärztlichen Dienstes bei der Einsatzzentrale auf. Am 22.10.2009 waren für die Entgegennahme von Notrufen aus dem gesamten Zuständigkeitsbereich drei Beamte eingesetzt.

 

Die gegen das Urteil des LG gerichtete Revision der Angekl. blieb ohne Erfolg.

 

Aus den Gründen:

 

Die Nachprüfung des Urteils aufgrund der allein mit der (ausgeführten) Sachrüge be-gründeten Revision hat keinen Rechtsfehler zum Nachteil der Angekl. ergeben (§ 349 II StPO). Die Auffassung des LG, wonach bereits das anlasslose Anwählen der Notrufnummer 110 der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums durch die Angekl. in 54 Fällen über einen Zeitraum von knapp 3 Stunden im Zustand nicht ausschließbarer rauschbedingter Schuldunfähigkeit jeweils als Verwirklichungen des Tatbestandes des Missbrauchs von Notrufen nach § 145 I Nr. 1, 1. Alt. StGB und damit als sog. Rauschtaten im Sinne von § 323 a I StGB anzusehen seien, ist entgegen der Rechtsauffassung der Verteidigung nicht zu beanstanden.

 

Nach § 145 I Nr. 1 StGB wird u.a. bestraft, „wer absichtlich oder wissentlich Notrufe (…) mißbraucht“. Dem Wortlaut der Strafbewehrung kann eine Einschränkung dahin, dass für den objektiven Tatbestand neben dem grundlosen Anwählen der Notrufnummer und der hierdurch technisch bewirkten Herstellung einer Verbindung zur Notruf-zentrale und der nachfolgenden Annahme des Rufs auch ein etwaiger Gesprächsinhalt bzw. die Äußerungen des Anrufers gegenüber dem Diensthabenden und vor allem dessen Bewertung in dem Sinne mit zu berücksichtigen seien, dass erst hierdurch die nach dem Schutzzweck der Norm sowie dem geschützten Rechtsgut von einem ‚Notruf’ vorausgesetzte sog. „Auslösefunktion“ eintreten könne (so insbesondere LK-Krehl StGB 12. Aufl. <2008> § 145 Rn. 4; ferner SK-Rudolphi/Stein StGB 8. Aufl. § 145 Rn. 4 ff.; Kindhäuser/Neumann/Paeffgen-Schild StGB-BT 3. Aufl. <2010> § 145 Rn. 9 ; Sieme NStZ 2007, 671, 673 ff. und wohl auch Schön-ke/Schröder-Sternberg/Lieben StGB 28. Aufl. <2010> § 145 Rn. 4 a.E.; vgl. auch OLG Braunschweig NJW 1977, 209 = MDR 1977, 245 f.), nicht entnommen werden.

 

Die Notwendigkeit einer einschränkenden Auslegung im vorgenannten Sinne folgt aber auch nicht aus Sinn und Zweck der Regelung oder dem von ihr geschützten Rechtsgut. Hierzu hat der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs in seinem auf Vorlage durch das OLG Düsseldorf (Beschluss vom 02.04.1985 – 2 Ss 543/84; bei Juris) im Hinblick auf eine Entscheidung des OLG Braunschweig (a.a.O.) gemäß § 121 II GVGergangenen Beschluss vom 27.01.1986 – 3 StR 164/85 (BGHSt 34, 4 ff. = MDR 1986, 508 f. = NJW 1986, 1698 f. = VRS 50, 138 ff. = JuS 1986, 1002 f. = VRS 71, 138 ff.) im Wesentlichen ausgeführt: „Durch § 145 StGB soll sichergestellt werden, daß vor allem in den Fällen, in denen eine Pflicht zur Hilfeleistung oder Gefahrenabwehr besteht, Notrufe oder Notzeichen nicht mißbraucht werden und fremde Hilfe nur in Anspruch genommen wird, wenn sie erforderlich ist (vgl. Begr. zu § 300 E 1962 S. 471). Eine mißbräuchliche Betätigung der im Tatbestand genannten Notsignale könnte bewirken, daß ohne Grund zum Einsatz gerufene Helfer während dieser Zeit für einen notwendigen Hilfsdienst nicht zur Verfügung stehen und ein Hilfsbedürftiger deshalb ohne sofortige Hilfe bleibt (…). Vom Schutzzweck der Vorschrift wird jedoch auch erfaßt, daß die Funktionsfähigkeit der Anlage, die das Herbeirufen von Hilfe ermöglicht, gesichert bleibt und nicht durch mißbräuchliche Inanspruchnahme beeinträchtigt wird (…). Diese weitere Schutzrichtung wird in Abs. 2 der Vorschrift besonders deutlich, sie liegt aber auch dem Abs. 1 zugrunde und wird bedeutsam in den Fällen, in denen das Rettungsgerät, ohne daß es unbrauchbar gemacht worden ist, durch eine mißbräuchliche Betätigung nicht verwendungsfähig oder -bereit ist (…). Es besteht in Rechtsprechung und Lehre - soweit ersichtlich - weitgehend Einigkeit, daß in § 145 Abs. 1 StGB nur Notrufe im engeren Sinne gemeint sind, nicht etwa Hilferufe bei harmlosen häuslichen Streitigkeiten zwischen Familienmitgliedern oder Wohnungsnachbarn. Zum Notruf oder Notzeichen im Sinne des Tatbestandes gehört, daß sie auf eine Notlage und damit zusammenhängend auf das Bedürfnis nach fremder Hilfe oder auf eine erhebliche Gefahr aufmerksam machen. Einem Notruf oder -zeichen kommt diese Eigenschaft dann zu, wenn sie in ihren Voraussetzungen und in der Art der Ausführung durch Gesetz, behördliche Anordnung, Vereinbarung oder Übung im wesentlichen festgelegt sind (…) oder ihren Sinn aus den konkreten Umständen gewinnen (…). Hierzu gehören nach übereinstimmender Auffassung die Betätigung von Feuermeldern, von Alarmanlagen, das Läuten der Feuerglocke, das Abgeben von SOS-Funk-, Blink- und Winksignalen auf Gewässern und im Gebirge, das Abschießen notanzeigender Leuchtkugeln und ähnliches. Der Auffassung (…), daß einer Benutzung des Fernsprechanschlusses 110 deshalb nicht der Charakter eines Notrufs zukomme, weil damit nicht allein unmißverständlich eine Not- und Gefahrenlage angezeigt und das dringende Bedürfnis nach fremder Hilfe zum Ausdruck gebracht werde, die telefonische Mitteilung vielmehr insoweit weiterer Erklärungen bedürfe (…), vermag der Senat nicht zu folgen. Diese Auffassung läßt die technische Ausgestaltung des Polizeinotrufs 110 und seine fernmelderechtliche Zweckbestimmung zu Unrecht außer Betracht (…). Nach § 5 Abs. 8 FO sind nur dem Anruf in Notfällen dienende Anschlüsse (sog. Notrufanschlüsse) solche Einzelanschlüsse, die in einem Ortsnetz mit der Rufnummer 110 nur einer bestimmten Dienststelle der Polizei (und mit der Rufnummer 112 nur einer bestimmten Dienststelle der Feuerwehr) überlassen werden. Andere Hauptanschlüsse der Polizei als 110 sind keine Notrufanschlüsse im Sinne von § 5 Abs. 8 FO, auch wenn sie - ebenfalls - dem Anruf in Notfällen dienen. Zur technischen Ausgestaltung der Not-rufanschlüsse hat die Deutsche Bundespost das "Notrufsystem 73" entwickelt. Durch dieses System sollten die Notrufnummern so ausgestaltet werden, daß die Notrufträger (Polizei und Feuerwehr) ihre Sicherheitsaufgaben bestmöglich erfüllen und in Notfällen rasche Hilfe leisten können. Zu dieser Einrichtung gehört, daß Notrufanschlüsse ausschließlich für Anrufe zur Verfügung stehen; sie ermöglichen keine von den Notrufträgern abgehenden Gespräche. Um Fehlanrufe oder Belästigungen der Notrufträger tunlichst zu vermeiden, ergeht in Fällen, in denen der Anrufer innerhalb von 3 Sekunden auflegt oder wenn er weiter wählt, kein Ruf zur Notrufabfragestelle. Das Notrufsystem 73 bietet ferner eine Fangschaltung zum Feststellen des Anschlusses desjenigen, der die Notrufnummer gewählt hat. Um zu verhindern, daß bei Nichtauflegen des Handapparates durch den Anrufenden die Notrufnummer bei Ortsverbindung blockiert bleibt, wird diese Blockierung bei den Notrufabfragestellen angezeigt und kann freigeschaltet werden (…). Diese Ausgestaltung der Notrufnummer 110, die mit einem gewöhnlichen Fernsprechanschluß nicht vergleichbar ist, versetzt die Polizeileitstelle bei eingehenden Anrufen, auch dann, wenn sich der Anrufer nicht meldet oder sich nicht mehr verständlich machen kann, ohne weiteres in die Lage, notwendig erscheinende Hilfsmaßnahmen einzuleiten.

 

Die Hilfeleistung ist nicht von weiteren Erklärungen des Anrufers abhängig. Daß in der Mehrzahl der Fälle weitere Erklärungen abgegeben werden, ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung. Ein Anruf bei der Polizeileitstelle unter der Nummer 110 hat daher keine geringere Wirkung als die Betätigung einer Feuerglocke, einer Alarmsirene oder sonstiger Notsignale. Es besteht daher kein Anlaß, das Wählen der Rufnummer 110 anders zu beurteilen (…). Dem entspricht im übrigen die in Rechtsprechung und Lehre vertretene Auffassung, daß das Anwählen der Nummer 110 durch Betätigen eines münzfreien Notrufmelders in einer öffentlichen Fernsprechzelle bei Vorliegen der weiteren Voraussetzungen als tatbestandsmäßig i.S. des § 145 Abs. 1 Nr. 1 StGB anzusehen ist (…). Es wäre ein ungereimtes, sachlich nicht zu rechtfertigendes Ergebnis, die Benützung derselben Rufnummer verschieden zu beurteilen, je nachdem ob sie von einem gewöhnlichen Fernsprechanschluß aus erfolgt oder von einem münzfreien Melder in einer Fernsprechzelle. Die vom Wortlaut des Tatbestandes her gesehen mögliche Auslegung entspricht auch dem Sinn und Schutzzweck der Vorschrift, die - wie oben dargelegt - dahin gehen, zu verhindern, daß nicht erforderliche fremde Hilfe zur Gefahrenabwehr angefordert wird, sowie das ungestörte und verläßliche Funktionieren der Notrufeinrichtung sicherzustellen. Dem würde es zuwiderlaufen, wenn ein mißbräuchlicher Anruf deshalb ohne strafrechtliche Ahndung bliebe, weil der Anrufer noch eine weitere Erklärung abgeben kann. Ergibt sich aus dieser Erklärung möglicherweise, daß Hilfe nicht zu erbringen ist, so ändert dies an dem bereits eingetretenen Mißbrauch des Notrufs nichts mehr, da jedenfalls bis zur Klärung der Frage, ob ein Notfall vorliegt oder nicht, der Notruf für berechtigte Hilferufe nicht zur Verfügung steht. In diesem Zusammenhang kann auch nicht außer Betracht bleiben, daß es sich beim polizeilichen Notruf 110 im täglichen Leben um die wichtigste Einrichtung handelt, über die Hilfsmaßnahmen nicht nur der Polizei, sondern auch anderer Institutionen zu erlangen sind. Über die Notrufzentrale 110 werden Hilfeersuchen auch an Notarztstellen, Unfallrettungsdienste, Feuerwehr u.s.w. weitergeleitet. Es erschiene daher auch kriminalpolitisch bedenklich, dieser im Gebrauch häufigsten und in der Wirkung umfassendsten Einrichtung zur Herbeiholung von Hilfe einen geringeren Schutz zukommen zu lassen als den anderen anerkannten Notzeichen und -rufen.“

 

Diesen Ausführungen schließt sich der Senat auch in besonderer Ansehung der zwischenzeitlich geänderten tatsächlichen wie gesetzlichen Rahmenbedingungen für das Telekommunikationswesen, insbesondere durch die auf Grund § 108 II TKG vom 22.06.2004 (BGBl. I 2004, S. 1190) in Umsetzung europäischer (Rahmen-) Richtlinien durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie erlassene und am 18.03.2009 in Kraft getretene, mithin zur vorliegenden Tatzeit schon gültige ‚Verordnung über Notrufverbindungen’ vom 06.03.2009 (NotrufV; BGBl. I 2009, 481), an. Hier-zu zählt u.a. die nationale Einführung der auch in allen EU- und EFTA-Mitgliedstaaten sowie in Russland, der Ukraine und in Kroatien einheitlichen ‚Euronotrufnummer 112’, neben der die Rufnummer ‚110’ jedoch ausdrücklich „als zusätzliche nationale Notrufnummer festgelegt“ ist (§ 1 NotrufV). Nach der in § 2 Nr. 3 NotrufV enthaltenen Legaldefinition handelt es sich bei einer ‚Notrufabfragestelle’ um „die nach Landesrecht zuständige Stelle zur Entgegennahme von Notrufen“, wobei die nach Landesrecht zu-ständigen Behörden u.a. auch die Einzugsgebiete im Benehmen mit den betroffenen Netzbetreibern festlegen und beschreiben (§ 3 I NotrufV; vgl. für Bayern das „Gesetz über die Errichtung und den Betrieb Integrierter Leitstellen“ vom 25. Juli 2002 [ILSG; BayRS Nr. 215-6-1]). Unter einem ‚Notrufanschluss’ ist nach § 2 Nr. 4 NotrufV „der Anschluss einer Notrufabfragestelle an das Telekommunikationsnetz für den ausschließlichen Zweck, Notrufverbindungen einschließlich der zugehörigen Daten entge-genzunehmen“ zu verstehen, während unter einer ‚Notrufverbindung’ gemäß § 2 Nr. 5 NotrufV „die über einen öffentlich zugänglichen Telefondienst zu einem Notrufanschluss aufgebaute Telefon- oder Telefaxverbindung“ zu verstehen ist, „die durch Wahl einer Notrufnummer oder durch Aussenden einer in den technischen Standards für die Gestaltung von Telekommunikationsnetzen ausschließlich für Notruf vorgesehenen Signalisierungsinformation eingeleitet wird, wobei das Endgerät zum Aussenden der Notrufnummer oder der entsprechenden Signalisierungsinformation“ - entweder durch Eingabe einer Notrufnummer über die Zifferntasten (§ 2 Nr. 5a NotrufV), Betätigen einer ausschließlich für Notruf vorgesehenen Taste oder Tastenkombination (§ 2 Nr. 5b NotrufV) oder einen entsprechenden Auslösemechanismus (§ 2 Nr. 5c NotrufV) - „ver-anlasst wird“. § 4 NotrufV verpflichtet die an der Herstellung einer Notrufverbindung beteiligten Telefondienstanbieter und Netzbetreiber u.a. dazu, „dass Notrufverbindungen unverzüglich zur örtlich zuständigen Notrufabfragestelle hergestellt werden“ (§ 4 I 1 NotrufV), als „Notrufverbindung“ gekennzeichnet (§ 4 I 2 NotrufV) und in jedem Falle „vorrangig vor anderen Verbindungswünschen“ - insbesondere auch unabhängig von einem etwaigen Guthaben des Teilnehmers - zu behandeln sind (vgl. zu den Einzelheiten § 4 II NotrufV), wobei die technischen Schnittstellen, über die diese gesetzlichen Anforderungen erfolgen, „durch angemessene Maßnahmen gegen Missbrauch zu sichern“ sind (§ 4 I 4, 2. Halbs. NotrufV). Zu den technischen Anforderungen zählt u.a. auch, dass „die Information über den Standort“ an die Notrufabfragestelle zu übermitteln ist (§ 4 I 5 Nr. 3 NotrufV). Daneben sind durch den Telefondienstanbieter die - auch unterdrückte - Rufnummer des Anschlusses, von dem die Notrufverbindung ausgeht, sowie Angaben zum Standort des Endgerätes (§ 98 III TKG) an die Notrufabfragestelle zu übermitteln (§ 4 III 1 Nrn. 1 und 2 NotrufV). Auch aufgrund dieser neuen rechtlichen Vorgaben steht für den Senat damit außer Frage, dass sich der für die Tatbestandsauslegung heranzuziehende Schutzzweck der Norm des § 145 I Nr. 1, 1. Alt. StGB nicht entscheidend geändert hat.

 

Das LG hat deshalb die jeweils tatbestandliche Erfüllung des § 145 I Nr. 1, 1. Alt. StGB zu Recht als Rauschtaten im Sinne von § 323 a I StGB gewertet (vgl. im Ergebnis wie hier neben Fischer StGB 58. Aufl. <2011> § 145 Rn. 4 f. auch Lackner/Kühl StGB 27. Aufl. <2011> § 145 Rn. 3; MüKo/Zopfs StGB <2005> § 145 Rn. 4 f.; BeckOK-Heu-chemer StGB § 145 Rn. 3; im gleichen Sinne auch schon OLG Oldenburg NJW 1983, 1573 = MDR 1983, 511 und Greiner MDR 1978, 373 ff.).

 

(OLG Bamberg, Beschluss v. 09.03.2011 - 3 Ss 20/11) 

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